EUROPÄSCHE AUTONOMIE

Auf dem Weg zur strategischen Autonomie: Europas Weg zu mehr Eigenständigkeit in der Luft- und Raumfahrt

Die Debatte über die strategische Autonomie Europas konzentrierte sich bislang häufig auf Energiesicherheit, Halbleiter und Verteidigungsausgaben. Doch eine der wichtigsten strategischen Zukunftsbranchen des Kontinents liegt weit über den europäischen Grenzen. Ob Flugzeugbau, sichere Kommunikationsnetze, Satellitennavigation oder Erdbeobachtung: Die Luft- und Raumfahrt wird zunehmend zu einem Schlüsselfaktor für die wirtschaftliche Widerstandsfähigkeit Europas, seine technologische Wettbewerbsfähigkeit und seinen geopolitischen Einfluss.

Die jüngsten geopolitischen Spannungen haben gezeigt, wie wichtig es für Europa ist, kritische Abhängigkeiten in Schlüsselbereichen abzubauen. Dazu zählen insbesondere Technologien und Infrastrukturen, die für wirtschaftliche Stabilität und Sicherheit unverzichtbar sind. Entsprechend erhöhen viele Staaten ihre Investitionen in strategische Zukunftstechnologien, den Ausbau industrieller Kompetenzen und unabhängige Infrastruktur.

Eine zentrale Rolle kommt dabei der Luft- und Raumfahrt zu. Die Branche vereint zahlreiche strategische Prioritäten und entwickelt sich zu einem wichtigen Baustein für Europas Bestreben nach mehr Eigenständigkeit. Gleichzeitig wachsen die Schnittstellen zwischen Raumfahrt, Verteidigung, Cybersicherheit und Dateninfrastruktur. Der Bedarf an sicherer Kommunikation, verlässlicher Navigation, moderner Aufklärung und wirksamem Schutz vor Bedrohungen nimmt kontinuierlich zu.

Europa nimmt dabei eine besondere Stellung ein. Kaum eine andere Region verfügt über vergleichbares Know-how entlang der gesamten Wertschöpfungskette der Luft- und Raumfahrt. Die europäische Industrie nimmt in Bereichen wie Satellitennavigation, Erdbeobachtung, Telekommunikationssatelliten, Radarsystemen und Antriebstechnologien eine führende Rolle ein. Diese Wettbewerbsstärke beruht auf jahrzehntelangen Forschungsinvestitionen, hochqualifizierten Fachkräften und einem eng vernetzten industriellen Ökosystem.

Auch die Bedeutung der Branche als Arbeitgeber ist beachtlich: Die europäische Luft-, Raumfahrt- und Verteidigungsindustrie beschäftigte 2024 direkt so viele Menschen wie nie zuvor, nämlich 1,1 Millionen. Einschließlich indirekter und induzierter Beschäftigung hängt inzwischen fast jeder Arbeitsplatz von 4,2 Millionen Beschäftigten von diesem Sektor ab. Zudem erwirtschaftet die Branche eine Wirtschaftsleistung von rund 779 Milliarden Euro.1

Vor dem Hintergrund der Bestrebungen Europas nach mehr strategischer Autonomie wird es immer wichtiger, dieses Know-how und diese Kernkompetenzen langfristig im eigenen Wirtschaftsraum zu erhalten.

Eine neue Ära der europäischen Raumfahrtsouveränität

Die wachsende Bedeutung der Raumfahrt steht für einen grundlegenden Wandel in der politischen Wahrnehmung. Was lange vor allem als wissenschaftliche Disziplin galt, wird heute zunehmend als kritische Infrastruktur betrachtet. Das zeigt sich unter anderem an europäischen Programmen wie Galileo, Copernicus, IRIS und GOVSATCOM.2 Europa verfolgt damit das Ziel, seine technologische Souveränität in strategisch wichtigen Bereichen zu stärken und Abhängigkeiten von externen Anbietern zu verringern.

In einer Welt, die von zunehmenden geopolitischen Spannungen und technologischem Wettbewerb geprägt ist, möchten Regierungen bei zentralen Fähigkeiten immer weniger auf außereuropäische Anbieter angewiesen sein. Wie tief diese Systeme bereits in Wirtschaft und Gesellschaft verankert sind, verdeutlichen die Zahlen: Allein Galileo liefert heute Positionsdaten für nahezu vier Milliarden Endgeräte. Nach Schätzungen der Europäischen Kommission hängen zudem rund 10 % der jährlichen Wirtschaftsleistung der Europäischen Union von satellitengestützten Navigationsdiensten ab.3

Vor diesem Hintergrund überrascht es nicht, dass die öffentlichen Investitionen in europäische Raumfahrtprogramme deutlich steigen. Die europäischen Raumfahrtbudgets erhöhten sich 2025 um 12 % auf 13,5 Milliarden Euro. Im Rahmen der ESA-Ministerratskonferenz in Bremen beschlossen die 23 Mitgliedstaaten Ende 2025 für den Zeitraum 2026 bis 2028 ein Rekordbudget von 22,3 Milliarden Euro. Das entspricht einem Anstieg von 31 % gegenüber der vorherigen Finanzierungsperiode und kommt der vollständigen Finanzierung der von der ESA beantragten Mittel so nahe wie keine Ministerratskonferenz zuvor.4

Politische Entscheidungsträger betrachten souveräne Raumfahrtkapazitäten zunehmend nicht nur als wirtschaftliche Chance, sondern als strategische Notwendigkeit. Investitionen in Trägersysteme, Satellitenkonstellationen, Erdbeobachtung und sichere Kommunikation entwickeln sich zu zentralen Bestandteilen der langfristigen Industriepolitik Europas. Sie stärken die Fähigkeit Europas, Informationen zu gewinnen, kritische Infrastruktur zu schützen und seine technologische Wettbewerbsfähigkeit zu sichern.

Ein aktuelles Beispiel ist IRIS (Infrastructure for Resilience, Interconnectivity and Security), Europas Antwort auf Starlink. Die Europäische Union hat den Aufbau einer Satellitenkonstellation mit 348 Satelliten beschlossen, die ab 2029 sichere Kommunikationsdienste für staatliche Einrichtungen bereitstellen soll.5

Dabei geht es Europa nicht darum, bestehende Modelle anderer Regionen zu kopieren. Ziel ist vielmehr die Entwicklung souveräner, schwer ersetzbarer Technologien, auf die sich zivile und militärische Infrastrukturen verlassen können, ohne von außereuropäischen Anbietern abhängig zu sein.

Luft- und Raumfahrt als industrieller Champion Europas

Während die Raumfahrt häufig die Schlagzeilen dominiert, bleibt die Luft- und Raumfahrtindustrie insgesamt ein wesentlicher Pfeiler der europäischen Industriebasis. Branchenangaben zufolge erzielte die europäische Luft-, Raumfahrt- und Verteidigungsindustrie im Jahr 2024 mit 326 Milliarden Euro Umsatz einen neuen Höchststand.1 Damit verzeichnete der Sektor bereits das vierte Jahr in Folge ein Wachstum im zweistelligen Prozentbereich.

Gleichzeitig ist die Luft- und Raumfahrt weit mehr als eine eigenständige Branche. Sie stützt ein umfangreiches Netzwerk aus Zulieferern, Ingenieuren, Softwareentwicklern, Herstellern und Forschungseinrichtungen. Jedes produzierte Flugzeug, jeder gestartete Satellit und jedes neu installierte Kommunikationssystem schaffen zusätzliche Nachfrage in zahlreichen Bereichen der Wirtschaft.

Dieser starke Multiplikatoreffekt verleiht der Branche eine besondere Bedeutung für Europas Bestreben nach strategischer Autonomie. Leistungsfähige europäische Industrieunternehmen wie Airbus und Thales tragen dazu bei, hochwertige Fertigungskapazitäten zu erhalten, Innovationen voranzutreiben und qualifizierte Arbeitsplätze entlang der gesamten Wertschöpfungskette zu sichern. Gleichzeitig helfen sie, die Abhängigkeit von ausländischen Anbietern in strategisch wichtigen Bereichen zu reduzieren.

Die verborgenen Treiber strategischer Autonomie

Ein oft unterschätzter Aspekt der Luft- und Raumfahrt ist die Vielzahl an Technologien, die hinter den Endprodukten stehen. Moderne Flugzeuge und Satelliten basieren auf hochentwickelten Halbleitern, Industriesoftware, Sensoren, elektronischen Systemen, digitaler Entwicklung und komplexen Fertigungsprozessen. Investitionen in die Luft- und Raumfahrt stärken daher nicht nur die Branche selbst, sondern unterstützen auch Europas Ambitionen in Bereichen wie der Widerstandsfähigkeit von Halbleiterlieferketten, moderner Fertigung und digitaler Souveränität.

Hinzu kommt, dass technologische Innovationen aus der Luft- und Raumfahrt häufig weit über ihren ursprünglichen Einsatzbereich hinaus wirken. So rechnet die Europäische Kommission damit, dass das Navigationssystem Galileo bis 2029 Erlöse von rund 166 Milliarden Euro aus wertschöpfenden Dienstleistungen generieren wird, die auf seinem Signal basieren.3 Das verdeutlicht, wie eine einzelne Investition in souveräne Infrastruktur beträchtliche wirtschaftliche Effekte entlang zahlreicher Branchen entfalten kann.

Ein weiterer wichtiger Faktor ist die zunehmende Bedeutung von Grössenvorteilen. Die Luft- und Raumfahrt ist von hohen Investitionsanforderungen, langen Entwicklungszyklen und intensivem internationalem Wettbewerb geprägt. Entsprechend setzt Europa verstärkt auf industrielle Zusammenarbeit und die Bündelung von Kompetenzen in strategisch wichtigen Bereichen. Ziel ist es, kritische Technologien innerhalb Europas verfügbar zu halten und sicherzustellen, dass künftige Innovationen vor Ort entwickelt, vorangetrieben und kontrolliert werden.

Von Europas Ambitionen profitieren

Aus Anlegersicht bietet die Luft- und Raumfahrt Zugang zu mehreren langfristigen Strukturthemen, die unseres Erachtens auch in den kommenden Jahren relevant bleiben dürften. Dazu gehören steigende Verteidigungsausgaben, die Modernisierung der Industrie, Digitalisierung, Cybersicherheit, widerstandsfähigere Lieferketten sowie technologische und digitale Souveränität.

Viele Unternehmen innerhalb dieser Ökosysteme verfügen über hochspezialisiertes Know-how und nehmen strategisch wichtige Positionen in globalen Wertschöpfungsketten ein. Vor diesem Hintergrund spricht aus unserer Sicht weiterhin vieles für europäische Unternehmen, die entlang verschiedener Stufen der Raumfahrt-Wertschöpfungskette tätig sind. Sie profitieren sowohl von ihrer technologischen Expertise als auch von der wachsenden Nachfrage nach sicheren und belastbaren europäischen Lieferketten.

Im Fokus stehen dabei Unternehmen, die bereits fest in bedeutende zivile und verteidigungsbezogene Programme eingebunden sind. Diese verfügen häufig über starke Technologien, hohe Markteintrittsbarrieren und die Fähigkeit, steigende europäische Raumfahrt- und Verteidigungsbudgets in Aufträge, Umsätze und Gewinne umzuwandeln.

Gleichzeitig sollten Anleger die Risiken nicht ausser Acht lassen. Politische Prioritäten können sich verändern, Herausforderungen in den Lieferketten könnten Produktionspläne beeinträchtigen, und technologische Entwicklungen können die Wettbewerbsdynamik verschieben. Dennoch dürften diese Bereiche eine zentrale Rolle für Europas langfristige Ambitionen spielen, da der Kontinent seine industrielle Basis stärken, kritische Technologien sichern und strategische Abhängigkeiten reduzieren möchte.

1 https://www.asd-europe.org/news-media/facts-figures/key-data-overview/
2 Galileo – Das globale Satellitennavigationssystem der EU, das hochpräzise Dienste für Positionierung, Navigation und Zeitbestimmung bereitstellt.
   Copernicus – Das Erdbeobachtungsprogramm der EU, das mithilfe einer Satellitenflotte Umwelt, Klima, Landflächen, Ozeane und Atmosphäre überwacht.
   IRIS2 – Die geplante Satellitenkonstellation der EU mit mehreren Umlaufbahnen (348 Satelliten), die ab 2029 sichere und souveräne staatliche Konnektivität sowie Breitbanddienste bereitstellen soll.
   GOVSATCOM – Ein EU-Programm zur Bündelung und gemeinsamen Nutzung sicherer Satellitenkommunikationskapazitäten durch die Mitgliedstaaten. Es ermöglicht europäischen Regierungen und Sicherheitsakteuren eine belastbare Konnektivität unabhängig von Anbietern außerhalb der EU.
3 https://www.euspa.europa.eu/eu-space-programme/galileo/galileo-satellites; https://ec.europa.eu/newsroom/cipr/items/824221/
4 https://sciencebusiness.net/news/aerospace/esa-members-agree-eu22-billion-three-year-budget
5 https://www.esa.int/Applications/Connectivity_and_Secure_Communications/IRIS2_reinforced_and_accelerated_as_implementation_advances

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Stand: September 2026 | ADM 5902804

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