Zins- und Zeitenwende meistern

Implikationen einer anhaltenden Blockade der Straße von Hormus

Unterbrechungen der Energieversorgung, der Produktion und der Infrastruktur im Nahen Osten – insbesondere rund um die Straße von Hormus – haben zu einer Verknappung des Angebots und einem Anstieg der Preise geführt. Obwohl die Risiken weiterhin hoch sind, haben die Großmächte und regionalen Akteure starke Anreize, die Krise einzudämmen und die Lieferungen wiederherzustellen. Das Timing ist entscheidend: Jeden Tag gehen Ölvorräte verloren, die Umleitungskapazitäten sind begrenzt und strategische Ölreserven können den Schock nur vorübergehend abfedern. In unserem Basisszenario gehen wir davon aus, dass die Lage angespannt, aber beherrschbar bleibt, wobei eine anhaltende Unterbrechung das Hauptrisiko für Wachstum und Inflation darstellt.

Wichtige Erkenntnisse
  • Angesichts des anhaltenden Konflikts im Nahen Osten wird die Dauer der Störung entscheidend dafür sein, wie lange die Ölpreise erhöht bleiben – und wie stark die Auswirkungen auf die Weltwirtschaft ausfallen.
  • Die Straße von Hormus bleibt eine zentrale Transportroute für Öl und Flüssigerdgas (LNG; Liquefied Natural Gas). Eine länger anhaltende Einschränkung würde das globale Angebot verknappen und den Preisdruck weiter erhöhen.
  • Mit zunehmender Dauer des Konflikts steigt das Risiko von Schäden an kritischer Energieinfrastruktur, deren Ausfall die regionale Produktionskapazität längerfristig beeinträchtigen könnte.
  • Bei anhaltenden Störungen könnte sich das globale Angebot deutlich verknappen. Strategische Reserven, Nachfragerückgänge und Produktionsreaktionen anderer Anbieter wirken zwar stabilisierend – das Risiko nimmt jedoch mit der Dauer der Unterbrechung zu, nicht mit kurzfristigen Preisspitzen.
  • Vor dem Hintergrund der hohen Unsicherheit haben wir unsere Präferenzen über Anlageklassen hinweg taktisch angepasst, bleiben jedoch hinsichtlich des übergeordneten Risikoumfelds weiterhin konstruktiv.

Der Konflikt im Nahen Osten hat die Ölpreise fast auf ihr Höchstniveau von 2022 getrieben, und anders als damals – als es um Russlands Invasion in der Ukraine ging – betrifft die aktuelle Krise einen größeren Teil der weltweiten Versorgung und führt zu komplexeren Belastungen in den Energieversorgungsketten.

Es gibt jedoch klare geopolitische Anreize für die wichtigsten Akteure, die Situation schnell zu stabilisieren und sicherzustellen, dass sie sich nicht zu einem anhaltenden Versorgungsschock entwickelt. Die großen Weltmächte, darunter die USA und China, haben angesichts der Folgen für Wachstum und Inflation ein starkes Interesse daran, eine dauerhafte Blockade der Energieflüsse zu verhindern. Die Produzenten im Nahen Osten, darunter auch der Iran, sind ebenfalls auf stabile Öleinnahmen angewiesen, sodass ein gemeinsames Interesse an einer schnellen Wiederherstellung der Exportwege besteht. Diese politischen und wirtschaftlichen Anreize bilden eine wichtige stabilisierende Kraft.

Um die Dynamik dieser Krise zu erfassen, identifizieren wir vier Schlüsselbereiche, in denen die Belastungen am deutlichsten zu spüren sind:

1. Logistische Einschränkungen und der „Engpass von Hormus“

Die Straße von Hormus, die historisch als wichtigster Ölengpass der Welt gilt, wickelt etwa ein Fünftel der weltweiten Ölversorgung ab, was etwa 20 Millionen Barrel pro Tag (mb/d) entspricht. Derzeit ist der Transit durch diesen Korridor praktisch lahmgelegt, obwohl die USA planen, Tanker zu eskortieren und Notfallversicherungsrahmen bereitzustellen.

Die zentrale Herausforderung liegt im Fehlen tragfähiger Ausweichmöglichkeiten. Jüngsten Analystenberichten zufolge konnten durch die Bemühungen zur Umleitung von Lieferungen in der vergangenen Woche nur etwa 0,9 mb/d erfolgreich transportiert werden. Branchenexperten schätzen, dass selbst wenn alle verfügbaren Pipelines und alternativen Landwege (wie etwa diejenigen durch SaudiArabien zum Roten Meer) vollständig ausgelastet würden, sie nur 3–4 % des weltweiten Volumens transportieren könnten.

2. Risiken für kritische Energieinfrastruktur

Im Gegensatz zu früheren Schocks, bei denen die Energieinfrastruktur weitgehend verschont blieb, hat der aktuelle Konflikt bereits mehrere zentrale Anlagen direkt in Mitleidenschaft gezogen. Wir sind von der Gefahr einer Unterbrechung zu einer Phase anhaltender Betriebsausfälle übergegangen, wobei wichtige Anlagen im Irak, in Katar und im gesamten Golfgebiet vorübergehend ausfallen. Bislang haben weder die USA noch Israel den wichtigsten Exportterminal des Iran auf der Insel Kharg ins Visier genommen, und der Iran hat es vermieden, die großen Ölfelder oder Exportzentren seiner Nachbarn anzugreifen. Das Hauptrisiko besteht in einer Eskalation, die diese kritischen Standorte in den Konflikt hineinzieht und möglicherweise zu länger anhaltenden Schäden führt.

3. Lagerkapazitätsprobleme und Produktionsstopps

Die begrenzten Lagerkapazitäten – regional im Durchschnitt rund 15 Tage – zwingen mehrere Produzenten zu Produktionskürzungen und unterstreichen die operativen Restriktionen bei eingeschränkten Exportkanälen. Ohne Zugang zur Straße von Hormus füllen sich die Tanks schnell, was zu einer schrittweisen Verringerung der Produktion führt. Wenn die Blockade drei Wochen lang anhält, müssen viele Länder ihre Produktion vollständig einstellen.

4.Gegenmaßnahmen - einschließlich strategischer Ölreserven (SPR; Strategic Petroleum Reserve)

Als Gegenmaßnahme erwägt die internationale Gemeinschaft die Freigabe von Notfallölreserven. Nach den Standards der Internationalen Energieagentur (IEA) halten die meisten Länder Reserven für mehr als 90 Tage ihrer typischen Importe vor, während stark betroffene Länder wie China und Japan sogar noch größere Puffer vorhalten. Dennoch können strategische Reserven nur kurzfristige Schwankungen abfedern, wenn die Versorgungsunterbrechungen im Nahen Osten anhalten; sie bleiben ein sinnvolles, aber begrenztes Instrument. Und alle freigegebenen Barrel müssen irgendwann wieder aufgefüllt werden, was die zukünftige Nachfrage erhöht.

Auswirkungen auf die Anlageklassen: konstruktiv, aber selektiv

Für die Finanzmärkte hängt das Ausmaß der Auswirkungen maßgeblich von der Dauer der Störung ab. Eine anhaltende Angebotsverknappung könnte die Gesamtinflation erhöht halten und eine Lockerung der Geldpolitik durch die Zentralbanken verzögern, auch wenn die zugrunde liegende Nachfrage in vielen Volkswirtschaften weiterhin robust bleibt. Die Auswirkungen auf die Aktienmärkte dürften uneinheitlich ausfallen: Während Energie-, Infrastrukturund Verteidigungsunternehmen profitieren könnten, geraten energieintensive Branchen voraussichtlich durch steigende Kosten unter Druck.

Wir halten Rohstoffe im aktuellen Umfeld weiterhin für eine attraktive Anlageklasse, insbesondere Gold und Kupfer. Darüber hinaus bleiben wir in Multi-Asset-Portfolios grundsätzlich positiv für globale Aktien, wobei wir eine Präferenz für Europa, Japan und Schwellenländer sehen – auch vor dem Hintergrund der durch den Konflikt erhöhten Risikoprämien. Im Anleihesegment bleiben wir positiv für britische Staatsanleihen (Gilts) sowie für Staatsanleihen der Eurozone, behalten jedoch angesichts geopolitischer Risiken und Inflationsunsicherheiten eine hohe taktische Flexibilität bei. Am Devisenmarkt hat sich unsere Erwartung eines schwächeren US-Dollars durch die konfliktbedingte Stärke des Dollars als sicherer Hafen teilweise relativiert, weshalb wir auch hier taktisch flexibel bleiben.

Zusammenfassend lässt sich sagen, dass der Konflikt im Nahen Osten zwar zu Anpassungen unserer Asset-Allokation geführt hat, wir jedoch weiterhin ein grundsätzlich unterstützendes – wenn auch selektiveres – Umfeld für Risikoanlagen sehen.

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