HOUSE VIEW
House View Update: US-Leitzins dürfte steigen
Anhaltende Inflation, sich ändernde Projektionen der US-Notenbank und die Prioritäten von Fed-Chef Kevin Warsh sprechen für einen erneuten Straffungszyklus.
Wir erwarten unverändert eine robuste Entwicklung der Weltwirtschaft. Doch wie wir in unserem „House View“ für das 3. Quartal 2026 dargelegt haben, liegt die Inflation in vielen großen Volkswirtschaften noch über den Zielwerten der Zentralbanken. Sollte es zu erneuten Marktturbulenzen kommen, könnte dies unser Basisszenario auf die Probe stellen, wonach die Konjunktur zwar unter Druck steht, aber nicht einbricht.
Vor diesem sich wandelnden Hintergrund haben wir unsere Prognose für die US-Leitzinsen revidiert. So ist eine erneute Straffung der Geldpolitik wahrscheinlicher geworden als weitere Zinssenkungen. Wir gehen aktuell davon aus, dass die US-Notenbank (Fed) den Zielkorridor für die Federal Funds Rate in der zweiten Jahreshälfte um insgesamt 50 Basispunkte anheben wird. Zuvor hatten wir noch erwartet, dass der designierte Fed-Vorsitzende Kevin Warsh im Hinblick auf Zinserhöhungen vorsichtiger bleibt.
Wir rechnen nunmehr mit Zinsanhebungen im September und Dezember. Dabei besteht eine geringe Wahrscheinlichkeit, dass die Fed ihre Geldpolitik bereits im Juli und September strafft.
Drei Gründe, warum die Fed die Geldpolitik straffen könnte
Unsere geänderte Einschätzung ist in drei Entwicklungen begründet:
- Keine Anzeichen für eine Abschwächung der Inflation: Die US-Inflation liegt seit über fünf Jahren über dem Zielwert der Fed. Im Mai ist die Kerninflation der privaten Konsumausgaben (PCE) im Jahresvergleich wieder auf 3,4% gestiegen.¹ Die erneute Beschleunigung der Teuerung bestätigt unsere seit langem bestehenden Zweifel daran, dass die Inflation ohne deutliche Abschwächung des Arbeitsmarkts und der Konjunktur dauerhaft auf den Zielwert zurückkehren würde. Stattdessen hat sich die US-Wirtschaft trotz wiederholter Angebotsschocks als widerstandsfähig erwiesen. Dies erhöht das Risiko, dass die Inflation strukturell über dem Zielniveau der Fed bleibt.
- Inflationsausblick der Fed widerspricht ihrer Geldpolitik: Vertreter der Fed gingen in ihrer Erklärung zu den Wirtschaftsprojektionen vom Juni davon aus, dass die Kerninflationsrate im Jahr 2027 im Schnitt bei 2,5% und 2028 bei 2,1% liegen dürfte. Demnach würde die Kerninflation voraussichtlich während des gesamten Prognosezeitraums über dem Zielwert der Fed bleiben. Im Einklang damit haben sich die Erwartungen der Fed-Vertreter hinsichtlich der künftigen Leitzinsen deutlich in Richtung Anhebung verschoben. So rechnen neun der 19 Teilnehmer des Offenmarkt-Ausschusses (FOMC) nun mit Zinserhöhungen zwischen 25 und 75 Basispunkten in diesem Jahr. Trotz der Bemühungen von Kevin Warsh, die Prognosen herunterzuspielen, sehen wir dies als wichtiges Straffungssignal an.
- Fed-Führungswechsel wurde am Markt falsch eingeschätzt: Während der Nominierung von Kevin Warsh gingen viele Anleger davon aus, dass er bei der Inflationsbekämpfung angebotsseitige Lösungen priorisieren würde. Das hätte eine Stützung des Wachstums durch Ausbau der Produktionskapazitäten bedeutet, nicht die Dämpfung der Nachfrage durch höhere Zinsen. Vielfach war erwartet worden, dass Warsh unter dem Druck der Regierung eher zu Zinssenkungen bereit sei. Deshalb war seine Ernennung an den Märkten als Signal für eine lockerere Geldpolitik gewertet worden, auch auf kurze Sicht. Wir vertraten jedoch eine andere Sicht. Unserer Einschätzung nach ist Kevin Warsh einerseits ein strikter Vertreter der Bekämpfung von Inflation. Andererseits ist er ein Anhänger der These, dass KI und höhere Produktivität inflationsdämpfend wirken. Diese Positionen ergänzen sich eher, als dass sie im Widerspruch zueinander stehen: Möglicherweise muss Warsh zunächst die Geldpolitik straffen, um den aktuellen Teuerungsdruck abzubauen, bevor strukturelle Produktivitätsgewinne dazu beitragen können, die längerfristige Inflationsdynamik zu begrenzen. Seit der Fed-Sitzung im Juni haben die Finanzmärkte ihre Einschätzung geändert und die Erwartungen hinsichtlich Zinserhöhungen angehoben (vgl. Grafik 1).
Grafik 1: Am US-Geldmarkt wird nun die erste Zinserhöhung der Fed seit mehr als drei Jahren erwartet (in %)
Quelle: Allianz Global Investors Global Economics & Strategy, Bloomberg; Stand: 26. Juni 2026
Nächste Schritte der Fed: Straffung der Geldpolitik vor der Durchsetzung von Reformen
Im Hinblick auf die nächsten Schritte dürfte die Abfolge der geldpolitischen Maßnahmen entscheidend sein. Bevor die Fed überzeugend auf ein optimistischeres langfristiges Angebotsszenario setzen kann, muss sie erst ihre Glaubwürdigkeit im Kampf gegen die Inflation wiederherstellen.
Die Inflation über dem Zielwert verharren zu lassen und zu argumentieren, dass künftige Produktivitätsgewinne das Problem lösen werden, würde diese Glaubwürdigkeit nur weiter schwächen. Daher erwarten wir, dass Kevin Warsh streng nach Prioritäten verfahren wird.
Das bedeutet im ersten Schritt eine baldige Straffung der Geldpolitik, um der Überschreitung des Inflationsziels entgegenzuwirken. Damit würde die Glaubwürdigkeit der Fed im Kampf gegen die Inflation wieder hergestellt.
Im zweiten Schritt würden dann umfassendere institutionelle Reformen verfolgt, die auf ein stärkeres Wachstum der Produktivität abzielen und damit einen günstigeren mittelfristigen Inflationsausblick erwarten lassen.
1) Quelle: May US PCE inflation tops 4%, leaves Fed hike on the table, Reuters, 25. Juni 2026